Wie alles begann ...

Das Rülps -Eine Erfolgsgeschichte

Seit wann gibt es das Rülps? Wie hat alles begonnen? Welche Geschichte steckt hinter dem bunten Gebäude in der Kirchheimer Florianstraße und deren Bewohner? All das möchte ich beantworten aus meiner Sicht als Streetworker, der das Rülps von Anfang an begleitet hat.

NT - Ein Bolzplatz an dem alles begann

Der älteste Treffpunkt für Jugendliche, den ich kenne, trägt ausgerechnet den Namen „NT“ - Neuer Treffpunkt. An dem Bolzplatz am Schlehenring fanden sich seit 1994 regelmäßig Jugendliche ein, die miteinander Spaß haben wollten und dadurch bei Anwohnern und Polizei immer wieder für Aufregung sorgten. Es ging nach deren Aussage um Müll und Lärm, aber eigentlich ging es darum, dass sich Jugendliche ihre eigenen Räume suchten, ihr eigenes Reich, ihre eigene Welt. Wen interessiert dabei der Müll?

Die Clique vom NT traf sich täglich, versorgte sich im nahe gelegenen Supermarkt, feierte Parties und errichtete sich bald eine eigene Hütte. Eigentlich sollten die Bretter und Plastikfolien vor Wind und Kälte schützen, aber ich erinnere mich auch daran, dass ich mich eines Abends durch Decken und Teppichreste durchkämpfen musste und mit dem Ruf empfangen wurde: „Schuhe runter!“ Die frisch eingerichtete Bude wurde zum zweiten Zuhause. Ein Zuhause mit Hausregeln.

Klar, dass das nicht lang gut ging. Die Reinlichkeit des Fußbodens spielte aufgrund der vielen Flaschen, Kippen, Scherben und leeren Chipstüten schnell keine Rolle mehr. Die Anwohner formierten sich in der „Initiative Sauberer Spielplatz“, die Polizei merkte bald, dass unter den Zigarettenstummeln auch ein paar Joints waren und die Gemeindeverwaltung sorgte sich um feuerrechtliche Bestimmungen. Die Situation eskalierte. (Artikel: „Im eigenen Reich herrscht Toleranz“)

Der Gipfel aus meiner Sicht war, als sich durch die vielen Zeitungsmeldungen ein Prediger berufen fühlte, all die verlorenen Seelen zu retten. Er wollte die Jugendlichen mit „geistiger Nahrung“ versorgen und mit „Oberflächenwasser“ speisen, denn dadurch würden sie 120 Jahre alt und gereinigt werden. Unangenehmer für die NT-Leute war allerdings ein Haufen rechter Jugendlicher, die regelmäßig für Verwüstungen und Schrecken sorgten.

Doch weder Prediger noch Nazis konnten die Clique vertreiben, es waren die Anwohner und die Polizeikontrollen, die veranlassten, dass die Gruppe im Frühjahr 1996 in ein nahe gelegenes Wäldchen umzog. Die dort entstandene Hütte war noch ungestörter und noch luxuriöser (Ofen). Aber im Juni desselben Jahres war auch diese Idylle zuende. Die Hütte brannte nieder. Natürlich wurden die Jugendlichen selber beschuldigt, aber man munkelte auch, dass es dem Bauer, dessen Feld gleich nebenan lag, mit den Hüttenleuten zu viel wurde.

Das Alte Jugendheim

Es war ein glücklicher Zufall, dass im Jahr ’96 in Kirchheim ein neues Jugendzentrum eingeweiht wurde. Wer allerdings gedacht hätte, dass das große neue Gebäude auch ein Zuhause für die Clique vom NT werden würde, lag völlig falsch. Dort gab es nach Meinung der Clique viel zu viel Regeln, viel zu viel Nazis und viel zu viel Pädagogen. Bedeutsamer am Umzug des Jugendzentrums war, dass das alte Gebäude des Kreisjugendrings frei wurde. Das alte Jugendheim in der Florianstraße stand einfach leer. Und wie es so ist mit leerstehenden Gebäuden, waren viele an den Räumen interessiert: die Parteien, der Schützenverein, der Minigolfverein, die Pfadfinder. Und irgendwann wurde auch mir von den Jugendlichen die Frage gestellt, ob die NT-Clique nicht das alte Haus nutzen könnte. Ich wusste wie heikel die Frage war. Ich wusste aber auch, dass ich das nicht zu entscheiden hatte, sondern der Gemeinderat. So schlug ich vor, mit diesem Anliegen zum Bürgermeister zu gehen.

Tatsächlich hatte sich der träge Haufen von Leuten, der sonst selten weiter gekommen war als vom NT bis zum nächsten Supermarkt, eines Tages aufgerafft in großer Anzahl bei der Bürgermeistersprechstunde aufzulaufen. Dieser war zwar von dem Anliegen des bunt gestalteten Völkchens nicht sehr begeistert, konnte aber aufgrund der Deutlichkeit ihres Auftretens nicht anders, als die Sache auf die Tagesordnung des Gemeinderates zu setzen. Am 29. Oktober 1996 hat dann schließlich der Hauptverwaltungsausschuss der Gemeinde mit 8:4 Stimmen beschlossen, das Alte Jugendheim für ein halbes Jahr den Jugendlichen vom Schlehenring zu überlassen.

(Artikel: „Die Clique vom NT zieht in das Alte Freizeitheim“)

Das Rülps

Jetzt ging die Arbeit für mich erst richtig los. Nicht, wie sich manche wünschten, dass ich als Pädagoge im Haus tätig wurde, quasi als zweiter Jugendzentrums-Leiter. Nein. Ich habe jegliche Schlüsselgewalt strikt abgelehnt. Die Jugendlichen sollten schon selbst die Verantwortung für die Einrichtung, die Einhaltung von Verträgen und die Durchsetzung von Regeln sorgen. Die Arbeit für mich lag im Aushandeln eines Nutzungsvertrages, im Ausgleichen der unterschiedlichsten Begehrlichkeiten und im Vermitteln zu den empörten Anwohnern in der Florianstraße. Sie hatten endlich auf Ruhe vor ihrer Haustüre gehofft.

Den Rest bekamen Sandi, Sixt, André, Sascha, Chris und wie sie alle hießen sehr gut selber hin. Sofas wurden organisiert, aus einer Tischtennisplatte wurde eine Bühne konstruiert, die Wände wurden neu gestaltet und vor allem wurden wilde Parties gefeiert. So kam viel Leben in das alte Holzhaus.

Es war wahrscheinlich nach einer dieser wilden Parties, als man sich um einen Namen für das neue Domizil bemühte. „Rülps“ war so passend wie kein anderer Vorschlag. „Rülps“ war Name, Programm und Identität in einem.

„Rülps“ war natürlich eine Provokation. Der Sturm des Protestes ist bis heute nicht abgerissen. Ein Haus ohne pädagogische Aufsicht, ein Treffpunkt mit anarchistischen Hausregeln, ein Raum ohne ordnende Hand – das konnte es einfach nicht geben. Sicher, viele Beschwerden waren nicht zu Unrecht. Eine Zusammenkunft von jungen Menschen produziert Lärm und sie produziert auch Müll. Aber es sind zweierlei Dinge, ob man sich bemüht um eine verträgliche Lösung von Problemen (regelmäßiges Aufräumen vor dem Haus, Rücksichtnahme auf die Nachtruhe), oder ob man gegen etwas ist, etwas weg haben möchte, nur weil es anders ist. So hatte die kleine Rülps-Gemeinschaft immer wieder damit zu kämpfen ihre Existenz zu behalten.

Vielleicht war es aber auch genau die Tatsache, dass man ständig von außen angefeindet wurde, dass man untereinander zusammengehalten hat. Ständiger Streitpunkt war und ist natürlich die Ordnung. Beispielsweise hat man ganz zu Beginn gemeinsam nach einer Lösung gesucht, wie verhindert werden könne, dass Manu ständig ins Waschbecken pisst. In jeder anderen Runde hätte dieses Verhalten zum Rausschmiss geführt. Nicht so im Rülps. Die, die ständig von anderen rausgeschmissen wurden, wollten selbst nicht genauso phantasielos sein, sie wollten andere Wege gehen. Manu pinkelt heute, wenn er sich mal wieder im Rülps blicken lässt, ins Klo wie andere auch. Wie damals eine Lösung gefunden wurde, weiß ich gar nicht genau. Aber es gab keinen Rausschmiss. Es gab auch keine Spaltung in der Gruppe, der alte Kern ist nach über 6 Jahren immer noch beieinander. Sie haben ihren eigenen Weg gefunden.

Der e.V.

Die Rülps Gemeinschaft ist inzwischen ein e.V. Der Weg dorthin war nicht ganz einfach, denn wie passt spießige Vereinsmeierei zu einem Haufen anarchistischer Individuen?

Ausschlaggebend für diesen Prozess war die Notwendigkeit eines Vertragsabschlusses zwischen dem Besitzer des Hauses, der Gemeinde Kirchheim, und der Gruppe von jungen Menschen. Im ersten Nutzungsvertrag war noch die Rede von „der Clique“. Sie wurde namentlich durch drei Person repräsentiert. Doch dieser Vertrag war rechtlich nicht sehr beständig und für Sabine, Chris und Roland als Vertragsunterzeichner untragbar. Im Bedarfsfall hätten diese drei ihren Kopf für die anderen hinhalten müssen. Ein Verein ist eine juristische Person und als solche vertragsfähig. Wie der Verein organisiert wird, also wer Entscheidungen trifft und wer was zu sagen hat, dies wird durch die Satzung geregelt. Diese Satzung kann dann auch regeln, dass es keinen „Chef“ gibt, der alles bestimmt, oder dass Formalitäten möglichst unbürokratisch vonstatten gehen, also weitgehend Anarchie erhalten bleibt. Doch es hat mich viele Stunden Gespräche gekostet die Rülps Leute von diesem Zusammenhang zu überzeugen.

Am 4. März 1999 fand die Gründungsversammlung statt. Die ersten Senatoren (Vorstände) waren Johanna Fertl, Tobias Fuchs, Ludwig Sixt und Alexander Burgis.

Gut kann ich mich noch an die Anmeldung des Vereins erinnern. Ich habe den Senat zum Notar begleitet, wo die Formalitäten zu erledigen waren. Schon bei der Anmeldung war ein verwirrter Unterton der Sekretärin nicht zu überhören. „Wie heißt der Verein? Rüülps??“ Doch als Burgis mit seiner Mähne und Ludwig in seinem modischen Chic das Münchner Amtsgebäude betraten, stand das Entsetzen den Bediensteten ins Gesicht geschrieben. So etwas war man hier nicht gewohnt. Auf diese Weise kam es auch, dass die Unterzeichnung der Papiere auf dem Gang und nicht, wie üblich, im Amtszimmer stattfand. Die Rülpser hätten sonst bestimmt etwas dreckig gemacht.

Rülps - Der Erfolg

Aus meiner Sicht als Pädagoge war das Rülps immer etwas besonderes gewesen. Selbstverantwortung, Partizipation, Empowerment - all das sind Schlagworte, die sich in jedem Fachbuch für Jugendarbeit finden. Praktiziert wird dies höchst selten. Denn wenn Jugendliche tatsächlich selbst für ihr Tun verantwortlich sein sollen, muss ihnen auch Verantwortung übertragen werden. Wenn sie teilhaben sollen an der Gesellschaft, dann muss ihnen die Gesellschaft Räume zur Verfügung stellen. Und wenn junge Menschen befähigt werden sollen Konsequenzen für ihr Tun zu tragen, dann hat sich die professionelle Pädagogik weitmöglichst raus zu halten.

Im Rülps ist es gelungen einer Gruppe von Jugendlichen, die alles andere als einfach und angepasst waren, mit der Verantwortlichkeit für Räume Verantwortung für ihr Tun zu übertragen. Natürlich hat die Clique das Meiste selbst dazu beigetragen. Aber ebenso sind die Anwohner zu erwähnen, denen die wichtige Aufgabe zukam, Widerspruch bei Grenzüberschreitungen zu signalisieren.

Meine Rolle war es mich zurückzuhalten, wenn ich die Chance sah, dass die Gruppe selbst eine Lösung finden wird und dann präsent zu sein, wenn sie auf Probleme gestoßen sind, die sie nicht alleine lösen konnten. So gab es zum Beispiel im Jahr 2000 eine lange Unterschriftenliste von Anwohnern, die das Gebäude ein für alle mal geräumt sehen wollten. Die politische Stimmung war äußerst brisant. Erst die Aktivierung von wohlgesonnenen Anwohnern eine ebenso lange Liste für das Haus aufzustellen und die Durchführung eines „Tages der offenen Tür“ gab den Ausschlag zu einer Patt-Situation, die zum weiteren Überleben des Hauses geführt hat. Das wäre nicht ohne Unterstützung von außen gelungen.

Das Rülps ist zu einer kleinen Insel geworden, auf der eine Gruppe von Leuten ein zweites Zuhause gefunden hat und auf der sich eine Szene trifft, die sonst verfolgt und ausgegrenzt wird. Die Konzerte im Haus ziehen inzwischen nämlich die Punk-Szene von ganz Bayern an. Zwar zum Leidwesen manchen Anwohner, aber zur Freude der Jugendlichen und zur Freude eines Streetworkers, der nirgends sonst so viel Kreativität, Friedfertigkeit und Lebendigkeit entdecken konnte.

 

Jörg Breitweg, 01.12.2002